Moreau

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Die Tür ist geschlossen. Draußen hört man noch das entfernte Rauschen der Halle, aber hier drinnen ist es ruhig genug, dass die Stille selbst etwas verlangt. Moreau sitzt noch immer aufrecht am Tisch, die Hände locker voreinander, als sei dies kein Verhör, sondern ein unerquicklich später Programmpunkt, den ein gut erzogener Mann eben über sich ergehen lässt. Mulder bleibt stehen. Nicht bedrohlich. Nur ungeduldig wach.
Für einen Moment sagt keiner etwas. Dann:


MULDER
Sie wirken nicht wie jemand, der besonders überrascht ist.


Moreau hebt leicht die Brauen.


MOREAU
Sie meinen davon, dass Franklin tot ist? Oder davon, dass das FBI sich plötzlich für eine Wohltätigkeitsgala in den Bergen interessiert?


MULDER
Beides.


Moreau lehnt sich keinen Millimeter zurück.


MOREAU
Überraschung ist eine Emotion für Menschen, die glauben, ihre Biographie sei ihnen etwas schuldig.


Mulder nimmt sich einen Butterkeks vom Teller, betrachtet ihn, legt ihn wieder hin.


MULDER
Ihre Kindheit sah von außen ziemlich gelungen aus.


Ein winziger Blickwechsel. Nicht groß. Aber da.


MOREAU
Von außen?


MULDER
Bordeaux. Gute Schulen. Ein restauriertes Chateau. Wein, Sommer, schönes Licht. Eine französische Mutter, die wusste, wie man aus einem Tisch, einem Park und ein paar Gästen so etwas wie Welt macht.


Moreau sieht ihn jetzt aufmerksamer an.


MOREAU
Ihre Zentrale ist schnell.


MULDER
Nicht schnell genug für meine Begriffe. War es glücklich?


Moreau lässt sich Zeit. Nicht, weil er nicht wüsste, was er sagen will. Eher, weil er entscheiden muss, wie viel Ironie ein Amerikaner verdient.


MOREAU
Ja. Streckenweise. Bordeaux war gut zu Kindern, wenn die Erwachsenen sich Mühe gaben. Viel Sonne. Viel Platz. Viel Essen. Zu viele Bücher. Zu wenig Schnee. Ich habe es überlebt.


MULDER
Und Walter?


Moreau sagt den Namen nicht selbst. Auch das ist eine Entscheidung.


MOREAU
War nach meinem fünften Geburtstag nicht mehr da. Und vorher vielleicht zwei, drei Mal, wenn er als Sponsor irgendetwas in Frankreich zu tun hatte und es auf dem Weg lag. Das half.


Mulder bleibt an der Stirnseite des Tisches stehen.


MULDER
Aber er war da genug, dass Sie ihn heute nicht für einen fremden Sponsor halten konnten.


MOREAU
Nein.


MULDER
Hat er Sie anerkannt? Offiziell?


MOREAU
Das musste er nicht, zum Zeitpunkt meiner Geburt war er ja noch mit meiner Mutter verheiratet. Aber sie hat auf Alimente verzichtet. Meine Großeltern hatten ihr eines der Chateaus überschrieben und ein paar Grundstücke.
Mulder nickt langsam. Das passt.


MULDER
Und Mercer?


Moreaus Mund verändert sich kaum. Nur so viel, dass man erkennt: Das hier ist nicht die Stelle, an der er gern unpräzise bleibt.


MOREAU
War irgendwann einfach da. Ein Brite, dessen Französisch einen zu starken Akzent hatte.


MULDER
Als Sohn der Zofe?


MOREAU
Als Kind. Später als Wahrheit. Meine Großeltern hatten darauf bestanden, dass meine Mutter eine Zofe brauchte. Großmutter war dar sehr konservativ. Ein Fehler, wie sich später herausstellte.


Mulder verschränkt die Arme.


MULDER
Sie nennen Mercers Mutter „die Zofe“ nicht besonders oft.


MOREAU
Nein.


MULDER
Warum?


Moreau sieht kurz auf den Tisch, dann wieder auf.


MOREAU
Weil ich mit ihr aufgewachsen bin. Und weil Kinder keine sozialen Kategorien lieben, sondern Gewohnheiten. Für mich war sie lange einfach Tante Jane.


MULDER
Tante Jane?


Jetzt ein sehr kleines, unerwartetes Lächeln. Mehr Erinnerung als Wärme.


MOREAU
Ja.


Mulder sagt nichts. Er wartet. Moreau tut ihm den Gefallen nicht sofort. Dann:


MOREAU
Meine Mutter nannte sie nie so. Aber ich tat es. Sie kam mit in die Sommerhäuser, auf Reisen, manchmal nach Biarritz, manchmal an Orte, die mein Großvater für geschmackvoll hielt und die Kinder nur deshalb mochten, weil sie dort länger wach bleiben durften. Ich dachte, sie gehöre einfach zu uns.


MULDER
Und wann merkten Sie, dass sie anders zu Ihrer Mutter gehörte als andere Angestellte?


Moreau hebt diesmal wirklich leicht die Brauen. Nicht empört. Eher überrascht darüber, dass Mulder die Frage so gerade stellt.


MOREAU
Früh.


MULDER
Wie früh?


Moreau lehnt sich zum ersten Mal minimal zurück.


MOREAU
Früh genug, um zu verstehen, dass Erwachsene lügen, sobald sie glauben, Kinder verstünden nur Möbel.


Mulder lässt das stehen. Gut gesagt.


MULDER
Ihre Mutter und Jane hatten also eine Beziehung.


MOREAU
Ja.


MULDER
Als Reaktion auf Franklin?


MOREAU
Anfangs vielleicht. Später nicht mehr. Später war es einfach ihr Leben, soweit mein Vater es ihnen ließ.


Da ist zum ersten Mal Ärger. Nicht laut. Eher wie eine Klinge, die nicht mehr ganz in der Scheide bleiben will.


MULDER
Und wie viel ließ er?


Moreau sieht ihn direkt an.


MOREAU
Genug, um sich großzügig zu fühlen. Nie genug, um wirklich loszulassen.


Stille.
Mulder geht langsam ein Stück am Tisch entlang.


MULDER
War Mercer in Bordeaux?


MOREAU
Ja. Ab und zu. Später regelmäßiger. Meine Mutter bestand darauf. Oder Jane. Ich war zu jung, um zu wissen, wer von beiden in solchen Dingen die stärkere war. Wahrscheinlich wechselte das.


MULDER
Waren Sie und Mercer als Kinder nah?


Moreau überlegt.


MOREAU
Nein. Aber wir waren auch keine Feinde. Er war das Kind, das die Erwachsenen nicht erklären wollten. Das macht Beziehungen kompliziert, bevor man überhaupt alt genug für Abneigung ist.


MULDER
Und heute?


MOREAU
Heute ist er mein Halbbruder. Was in manchen Familien eine Katastrophe wäre und in unserer beinahe das Vernünftigste.


Mulder nimmt das hin.


MULDER
Wussten Sie, dass Franklin heute Abend Geld spenden wollte?


Diese Frage kommt schnell genug, dass sie nicht ganz vorbereitet werden kann. Moreau antwortet trotzdem nicht sofort.


MOREAU
Er wollte immer Geld spenden. Gott weiß, wie er es den Leuten aus der Tasche gezogen hat. Er fühlte sich dadurch mächtig. Wohltätigkeit ist der Zuckerguss über Ausbeutung, hat meine Großmutter oft gesagt. Sie hat den Philanthropen nicht gemocht.


MULDER
Heute Abend ging es konkret um große Summen.


MOREAU
Ja.


MULDER
Für Sie und Ihr Team?


Moreau sieht zum Fenster, nicht hinaus, eher an dem dunklen Glas vorbei.


MOREAU
Für das Siegerteam zwanzig Millionen Euro, für den zweiten zehn, für den dritten fünf und für den dämlichen Verlierer eine. Anzulegen in Stipendien für Nachwuchseishockeyspieler.


MULDER
Sechsunddreißig Millionen Euro? Wie viel ist das in Dollar?


MOREAU
Das hängt von der Laune Ihres Präsidenten ab.


MULDER
Wie hätte Franklin Ihnen das Geld zuspielen können?


Moreau legt die Hände wieder auf den Tisch.


MOREAU
Mit dem üblichen Instrumentarium alter Männer, die glauben, Geschichte sei ein Blankoscheck. Verantwortung. Name. Familie. Verpflichtung. Zukunft. Das alles in Sätzen, die aussehen sollen wie Sorge und in Wahrheit nur nach Geld riechen.


Mulder nickt.


MULDER
Ein solches Stipendium. Und dann noch der Neubau eines internationalen Zentrums hier in der Ödnis. Gut, zumindest sind die Grundstückspreise niedrig.


MOREAU
Kein Wunder, außer ein paar neureichen Amerikanern, die hier Chalets auf die Berge verteilen, um Einsamkeit zu genießen, ist hier kaum was los. Der Ort selber hat nur tausend Einwohner. Und die leben vom Wintertourismus. Keine Ahnung, was man im Sommer hier macht. Kufen schleifen?


MULDER
Sie sind zum ersten Mal hier?


MOREAU
Ja, aber sicher auch zum letzten Mal.


Mulder tippt mit zwei Fingern auf die Tischkante.


MULDER
Hat Franklin Sie bedroht, damit Sie Mercer und sein Team gewinnen lassen?


MOREAU
Nicht ausdrücklich.


MULDER
Indirekt?


MOREAU
Er erinnerte mich daran, dass Namen längere Schatten werfen als Menschen. Und dass gute Söhne wissen sollten, wann man in die Zukunft investiert, statt die Vergangenheit zu sezieren.


MULDER
Sie mochten ihn nicht.


Moreau sieht ihn an, und jetzt ist der Ärger offener.


MOREAU
Mögen ist ein erstaunlich kleines Wort für jemanden, der zwei Frauen in einem Haus band, zwei Kinder in zwei Wahrheiten aufwachsen ließ und glaubte, Geld sei am Ende eine Form von Charakter.


Mulder bleibt ganz still.


MULDER
Haben Sie ihn getötet?


Moreau antwortet ohne Pathos.


MOREAU
Nein.


MULDER
Haben Sie gedacht, jemand sollte es tun?


Da zögert Moreau zum ersten Mal. Nicht lang. Nur lang genug, dass er sich selbst hört, bevor er spricht.


MOREAU
Ich dachte oft, jemand sollte ihn endlich daran hindern, weiter über andere Leben zu verfügen. Das ist nicht dasselbe. Ich bin nicht traurig über seinen Tod.


Mulder glaubt ihm im Moment, dass Moreau ihn nicht selbst angefasst hat. Aber Motiv ist da. Mehr als genug.


MULDER
Warum sind Sie beim Zusammenbruch nicht näher gekommen?


Das trifft. Moreau antwortet diesmal flacher.


MOREAU
Weil ich nicht gut darin bin, Männern zu helfen, die mein Mitleid jahrzehntelang für ein Erbrecht gehalten haben.
Stille.


MOREAU
Und weil ich Mercer gesehen habe.


Mulder hebt den Blick.


MULDER
Was heißt das?


MOREAU
Dass ich wusste, wenn einer von uns sich bewegt, bewegt sich der andere auch. Und dann wäre es nicht mehr um einen Toten gegangen, sondern um Familie vor Publikum.


Mulder sieht ihn lange an. Das ist plausibel. Beinahe zu plausibel. Aber nicht offensichtlich konstruiert.


MULDER
Hatten Ihre Mutter und Jane zuletzt noch Kontakt zu Franklin?


Moreau antwortet sofort.


MOREAU
Meine Mutter hielt Abstand. Jane tat so, als sei Abstand etwas, das Menschen mit ausreichend Willen tatsächlich herstellen könnten.


MULDER
Und Mercer?


MOREAU
Mercer verzeiht auf britische Weise. Also gar nicht, aber ohne je unordentlich zu werden.


Mulder nickt einmal.


MULDER
Das klingt nach einer Beobachtung aus langer Gewohnheit.


MOREAU
Ist es.


Wieder Stille. Draußen geht jemand am Flur vorbei. Schritte, Stimmen, weg. Mulder kommt noch einmal auf den Anfang zurück.


MULDER
Sie sagten, Bordeaux sei glücklich gewesen. Streckenweise.


Moreau sieht ihn direkt an.


MOREAU
Ja.


MULDER
Und die unglücklichen Teile?


Moreau denkt nicht lange nach.


MOREAU
Immer dann, wenn mein Vater auftauchte und behauptete, aus Anwesenheit bereits Nähe zu machen.
Mulder lässt das stehen.


Dann geht er zur Tür, legt die Hand an die Klinke und dreht sich noch einmal um.


MULDER
Eine letzte Frage.


Moreau wartet.


MULDER
Hat ihr Halbbruder ihren Vater getötet?


Moreau sieht kurz auf seine Hände, dann hoch.


MOREAU
Nein.


Ein Atemzug.


MOREAU
Aber ich glaube, hätte Daniel gewollt, ich hätte ihn nicht davon abgehalten.


Mulder hält den Blick noch einen Moment. Er registriert, dass er zum ersten Mal den Vornamen seines Halbbruders verwendet hat. Dann nickt er. Das reicht fürs Erste. Er öffnet die Tür.


MULDER
Warten Sie draußen!


Moreau steht auf. Glättet unwillkürlich den Ärmel seines Jacketts. Hält kurz inne.


MOREAU
Agent Mulder.


MULDER
Ja?


MOREAU
Falls Sie glauben, dies sei eine Familiengeschichte, in der nur Hass übrigblieb, unterschätzen Sie Jane.


Das ist unerwartet.


MULDER
Wie meinen Sie das?


Moreau sieht ihn schon aus der halben Bewegung zur Tür an.


MOREAU
Sie war das einzig Anständige an dieser Konstruktion. 


Dann geht er hinaus. Mulder bleibt einen Moment allein zurück und sieht auf den leeren Stuhl. Draußen wartet Mercer. Und mit ihm vermutlich dieselbe Geschichte, nur ohne Bordeaux, ohne Licht und mit schlechteren Wintern.

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